Ihre Finger klammern sich um das kühle Glas des Flaschenhalses. Ihre Gelenke knacken, ihre Glieder schmerzen, ihr Kopf dröhnt. Sie hört nichts, sie sieht nichts, sie fühlt nichts...
Alles was sie mitkriegt ist das dumpfe Pochen des Beats aus ihren Kopfhörern, so laut, dass sie die ganze Welt vergisst und ihr Trommelfell zu platzen droht. Sie hat die Augen geschlossen, springt und dreht sich zum Takt der Musik, weiß nicht wo oben, wo unten ist - ob sie fällt oder fliegt oder steht oder sitzt.
Sie atmet ein, atmet tief ein, und spürt wie der Rauch die Lunge füllt. Sie hält die Luft an, spürt das Kribbeln, spürt den Schwindel, wünscht sich sie könnte noch höher fliegen und atmet aus. Weißer Rauch vernebelt ihr die Sicht, als sie die Augen wieder aufmacht.
Noch immer umklammert sie die Flasche - erinnert sich jetzt wieder daran, dass sie noch da war, dass sie nie weg war. Sie schließt die Augen wieder, setzt an und ... das nächste was sie mitbekommt ist ein leichtes Brennen im Hals und eine wohlige Wärme im Bauch. Sie merkt wie ihre Knie schwach werden. Sie trinkt noch ein Schluck. Sie will vergessen warum sie hier ist. Sie will vergessen, warum ihr alles weh tut. Sie will vergessen, warum sie diese Flasche geöffnet hat.
Sie will alles und nichts. Sie will vergessen.
Die Flasche leer, vom Text versteht sie nichts mehr, der Aschenbecher voll.
Sie steht auf, schwankt ins Bad, lässt die Wanne volllaufen, zieht sich aus und steigt rein.
Ihr kommen Gedanken. Unerwünschte Gedanken. Gedanken von längst vergessenen Zeiten, von längst vergessenen Momenten, von längst vergessenen Menschen.
Sie hält die Luft an und taucht unter. Ihre Gedanken rasen. Immer schneller und plötzlicher kommen ihr Bilder von Momenten, die sie verdrängt oder einfach vergessen hatte. Aus ihrer Kindheit, aus ihrer Jugend.
Und dann kam ein Bild gestochen scharf. Es drängte sich ihr auf, wie ein Virus, dem sie nicht ausweichen konnte. Blut, Blut.. überall Blut. Ein Mädchen auf der Straße, die langen blonden Haare blutverklebt, die Augen leblos. Ihr Herz fängt an zu rasen, Tränen vermischen sich mit dem Badewasser und dann schreit sie.
Einen Schrei, den niemand hört. Die Luft presst aus ihren Lungen, Wasser strömt in ihren Mundraum, sie droht zu ersticken.
Und dann kam ein weiteres Bild. Ein Bild von einem jungen Mann mit strahlend blauen Augen und einem warmen wunderschönen Lächeln. Er reicht ihr eine Hand, reicht sie ihr und scheint zu sagen, dass sie ihm vertrauen soll. Sie nimmt die Hand, hält sie ganz ganz fest denn sie hat Angst wieder unterzugehen, wenn sie sie loslässt. Er zieht sie an sich ran, nimmt sie schützend in den Arm.
"Guten Morgen Babey", zärtlich küsst er meine Stirn.
Ich bin noch da. Ich bin nicht ertrunken. Ich bin nicht verloren gegangen und er ist auch da.
Er ist da, er ist da, er ist da... wie ein Echo hallt dieser Gedanke in meinem Kopf wieder, während ich mich beruhige, mein Puls sinkt, meine Angst verfliegt.
In dem Moment wusste ich, dass er auch in Zukunft immer für mich da sein wird.
